Wasserburg a/ Inn 340 den 21. XII. 19

Lieber verehrter Meister!

Herzlichsten 1 Dank für Ihren ausführlichen gütigen Brief, 2 der mich über vieles beruhigt hat. Sie haben meine Frage so offen beantwortet, wie ich es mir nur wünschen konnte. Ich werde Ihrem Rat folgen und mit allen Kräften selbst arbeiten und suchen. Übrigens hat mir, und dies ist bezeichnend, Halm selbst etwa dasselbe geraten, was Sie mir geraten haben. Ich habe ihm nämlich geschrieben und ihn gefragt, ob er überhaupt bereit wäre, eine Unterweisung, wie ich sie suche, zu erteilen. Und darauf antwortete er mir sehr offen und freundlich, er könne es nicht wagen, sich als Lehrer dieser Art zu empfehlen. Das einzige wozu er sich bereit erklären könne, wäre ein gemeinsames Durchsprechen meiner eventl. Kompositionsversuche. Damit ist diese Angelegenheit ja {2} für sich schon durchaus in Ihrem Sinne erledigt. Der Fall Koch verlangte meine Übersiedelung nach Berlin. Das wäre der letzte Schritt, den ich tun würde.

Ich freute mich sehr zu hören, dass op. 101 schon in Sicht ist und dass, nach Ihren Äusserungen zu urteilen, II2 u.s.w. Fortschritte macht. Ich bewundere die übermenschliche Anstrengung, die dazu gehört, unter den jetzigen Verhältnissen solche Dinge zu vollbringen. Man erzählt sich hier von Wien Schreckensdinge. Aber was Sie von der Moralverseuchung sagen, trifft wohl fast für alle Grossstädte zu, für die ganze Menschheit, möchte man sagen, die vollständig aus dem Gleise geworfen ist. Die technischen Errungenschaften, die sogenannten „Kulturfortschritte“, (wobei man wohl nur Komfort mit Kultur verwechselt) bewirken, dass sich die Seuche {3} schneller fortpflanzt, als etwa im 16. od. 17. Jahrhundert. Und das Schlimmste von allem, die Zeitungen, tragen das Gift in jeden Erdenwinkel. Trotzdem muss man an eine Zukunft glauben. Und, verehrtester Meister, können auch viele Strebende trotz ehrlichstem Bemühen Ihr Wirken nicht bis in alle Konsequenzen hinein verstehen, so ist doch für alle diese schon Ihr Beispiel allein in seinem Heroismus anfeuernd und ermutigend und hilft über drohende Untiefen hinweg.


Wir wünschen Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin angenehme Feiertage und grüssen Sie auf das herzlichste
Ihr stets dankbarer
getreuer
[signed:] Walter Dahms

N.B. Hat Herr Klammert vielleicht noch eine Aufnahme aus Tantalier, die er mir zum Andenken schicken würde?

© Transcription John Koslovsky, 2009


Wasserburg on the Inn 340 December 21, 1919

Dear revered Master,

Many 1 thanks for your most detailed and gracious letter, 2 which put me at ease about many things. You answered my question as openly I could have ever hoped. I will take your advice and will work on my own with all the strength I have. Incidentally (and this is rather telling), Halm had advised me to do just the same as you advised. I wrote him and asked whether he would be willing to give the types of instruction I wanted. He replied in a very open and friendly manner that he would not dare to put himself forward as a teacher of this kind [of material]. The only area in which he said he might be of some help would be to talk through my eventual attempts at composing. By all means, then, the matter is {2} already (in your sense) closed. The case of Koch demanded that I move to Berlin. And that would be the last thing I would do.

I was delighted to hear that Op. 101 is already in sight and, judging from your comment, that II/2 etc. is making progress. I marvel at the superhuman effort that you display under current circumstances to bring such things to completion. People here report shocking things about Vienna. But what you say of the contamination of morals applies to almost all major cities, for all of humanity, one could say, which has completely been derailed. Technical achievements, so-called "cultural progress" (which is just a confusion of comfort with culture) come about such that the contamination {3} just spreads faster than perhaps it did in the 16th- and 17th centuries. And worst of all, the newspapers transmit the toxin to every corner of the world. Nonetheless one must believe in the future. And, most revered Master, even many independent-minded people still cannot understand your work in all its consequences, despite their honest efforts. So for all these people your example alone is in its heroism an incentive and encouragement, it helps them over the yawning abysses that threaten.


We wish you and your wife a pleasant holiday and send our warmest greetings.
Ever-thankfully,
Your faithful
[signed:] Walter Dahms

N.B. Does Mr. Klammert perhaps have another photo from Tantalier that he would send me as a momento?

© Translation John Koslovsky, 2009


Wasserburg a/ Inn 340 den 21. XII. 19

Lieber verehrter Meister!

Herzlichsten 1 Dank für Ihren ausführlichen gütigen Brief, 2 der mich über vieles beruhigt hat. Sie haben meine Frage so offen beantwortet, wie ich es mir nur wünschen konnte. Ich werde Ihrem Rat folgen und mit allen Kräften selbst arbeiten und suchen. Übrigens hat mir, und dies ist bezeichnend, Halm selbst etwa dasselbe geraten, was Sie mir geraten haben. Ich habe ihm nämlich geschrieben und ihn gefragt, ob er überhaupt bereit wäre, eine Unterweisung, wie ich sie suche, zu erteilen. Und darauf antwortete er mir sehr offen und freundlich, er könne es nicht wagen, sich als Lehrer dieser Art zu empfehlen. Das einzige wozu er sich bereit erklären könne, wäre ein gemeinsames Durchsprechen meiner eventl. Kompositionsversuche. Damit ist diese Angelegenheit ja {2} für sich schon durchaus in Ihrem Sinne erledigt. Der Fall Koch verlangte meine Übersiedelung nach Berlin. Das wäre der letzte Schritt, den ich tun würde.

Ich freute mich sehr zu hören, dass op. 101 schon in Sicht ist und dass, nach Ihren Äusserungen zu urteilen, II2 u.s.w. Fortschritte macht. Ich bewundere die übermenschliche Anstrengung, die dazu gehört, unter den jetzigen Verhältnissen solche Dinge zu vollbringen. Man erzählt sich hier von Wien Schreckensdinge. Aber was Sie von der Moralverseuchung sagen, trifft wohl fast für alle Grossstädte zu, für die ganze Menschheit, möchte man sagen, die vollständig aus dem Gleise geworfen ist. Die technischen Errungenschaften, die sogenannten „Kulturfortschritte“, (wobei man wohl nur Komfort mit Kultur verwechselt) bewirken, dass sich die Seuche {3} schneller fortpflanzt, als etwa im 16. od. 17. Jahrhundert. Und das Schlimmste von allem, die Zeitungen, tragen das Gift in jeden Erdenwinkel. Trotzdem muss man an eine Zukunft glauben. Und, verehrtester Meister, können auch viele Strebende trotz ehrlichstem Bemühen Ihr Wirken nicht bis in alle Konsequenzen hinein verstehen, so ist doch für alle diese schon Ihr Beispiel allein in seinem Heroismus anfeuernd und ermutigend und hilft über drohende Untiefen hinweg.


Wir wünschen Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin angenehme Feiertage und grüssen Sie auf das herzlichste
Ihr stets dankbarer
getreuer
[signed:] Walter Dahms

N.B. Hat Herr Klammert vielleicht noch eine Aufnahme aus Tantalier, die er mir zum Andenken schicken würde?

© Transcription John Koslovsky, 2009


Wasserburg on the Inn 340 December 21, 1919

Dear revered Master,

Many 1 thanks for your most detailed and gracious letter, 2 which put me at ease about many things. You answered my question as openly I could have ever hoped. I will take your advice and will work on my own with all the strength I have. Incidentally (and this is rather telling), Halm had advised me to do just the same as you advised. I wrote him and asked whether he would be willing to give the types of instruction I wanted. He replied in a very open and friendly manner that he would not dare to put himself forward as a teacher of this kind [of material]. The only area in which he said he might be of some help would be to talk through my eventual attempts at composing. By all means, then, the matter is {2} already (in your sense) closed. The case of Koch demanded that I move to Berlin. And that would be the last thing I would do.

I was delighted to hear that Op. 101 is already in sight and, judging from your comment, that II/2 etc. is making progress. I marvel at the superhuman effort that you display under current circumstances to bring such things to completion. People here report shocking things about Vienna. But what you say of the contamination of morals applies to almost all major cities, for all of humanity, one could say, which has completely been derailed. Technical achievements, so-called "cultural progress" (which is just a confusion of comfort with culture) come about such that the contamination {3} just spreads faster than perhaps it did in the 16th- and 17th centuries. And worst of all, the newspapers transmit the toxin to every corner of the world. Nonetheless one must believe in the future. And, most revered Master, even many independent-minded people still cannot understand your work in all its consequences, despite their honest efforts. So for all these people your example alone is in its heroism an incentive and encouragement, it helps them over the yawning abysses that threaten.


We wish you and your wife a pleasant holiday and send our warmest greetings.
Ever-thankfully,
Your faithful
[signed:] Walter Dahms

N.B. Does Mr. Klammert perhaps have another photo from Tantalier that he would send me as a momento?

© Translation John Koslovsky, 2009

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/1, p. 2197, December 27, 1919: " Von Dahms (Br.): dankt für meinen Rat, dessen Richtigkeit er schon dadurch bestätigt findet, daß Halm die Leitung des Unterrichtes aufzunehmen sich nicht getraut; werde nun allein den Weg suchen." ("From Dahms (letter): thanks [me] for my advice, the rightness of which he had already found to be confirmed in that Halm does not feel able to take over direction of the instruction; will seek the way on his own."). Prior to this, on December 21, 1919, a letter is recorded at OJ 3/1, p. 2195: "An Dahms (Br.): ob ich das Geld senden soll." (To Dahms (letter): whether I should send the money.").

2 This letter is not known to survive, but its writing is recorded in Schenker's diary at OJ 3/1, pp. 2192-2193, December 15, 1919: "An Dahms (Br.): empfehle eher Koch als Halm u. gebe Begründung dafür; erneuere den Rat von Tantalier, bis zur Einführung ein beliebiges älteres Werk (z.B. Richter - nur nicht Riemann) sich anzusehen, sodann Marpurg zu lesen, gleichzeitig aber selbst im „Wohltemperierten Klavier“ Studien zu betreiben: hier, bei den Genies, findet sich zwar auch die Durchschnittspraxis, aber darüber hinaus auch noch unnachahmliche Freiheiten, die Durchschnittskönner nicht einmal noch gesehen haben! Führe als Beispiele die Exposition in der Cisdur-Fuge von Bach, Bdur-Fuge von Brahms, in denen die Einsätze der Exposition ohne Zwischenspiel abrollen - die „Geisteszukunft“ dieser Genies erlaubt es ihnen, vom Rezept der Duchschnittskönner abzugehen u. auf die Fähigkeit zu vertrauen, daß sie ein wenig später das Versäumte durch ein längeres u. interessanteres Zwischenspiel werden nachholen können." ("To Dahms (letter): I recommend Koch rather than Halm and give reasons for doing so. I reiterate my advice at Tantalier of examining a favorite old work (e.g. Richter - just so long as it is not Riemann) by way of introduction, and then to read Marpurg, but simultaneously to pursue studies on your own in the Well-tempered Clavier; here, in the company of the geniuses, conventional practice itself is nevertheless to be found, and yet out of this also inimitable freedoms the likes of which conventional practitioners have never so much as seen! I advocate as examples the exposition of the Bach C#-major Fugue, the Brahms B-flat-major Fugue, in both of which the entries of the exposition follow on the heels of each other without episodes. The "spiritual future" of these geniuses allows them to leave the conventional practioners' prescription way behind and to trust in their innate ability such that they can make up a little later for what was neglected by way of a longer and more interesting episode.").

Commentary

Format
3p letter, oblong format, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2010-06-12