Wilna, den 10. Juli 1917.

Lieber, verehrter Meister! 1

Ihr freundlicher langer Brief 2 erreichte mich gestern. Ich freue mich aufrichtig über das Ergebnis Ihrer neuerlichen Musterung und vor allem darüber, daß Sie nun in den Bergen ungestört den II2 beenden können. Meine Berliner Angelegenheit „schwebt“ noch. Da sind viele umständliche Instanzen zu durchlaufen, ehe für mich der Marschbefehl kommt. Aber hoffentlich kommt er überhaupt. Das Abwarten ist ja gerade das Zermürbendste in diesem Kriege gewesen. Ich habe schlechte Wochen hinter mir, körperlich und seelisch; aber ich halte mich mit aller Restkraft zusammen.

{2} Wenig erfreulich ist das, was jetzt im Lande vor sich geht. Der Demokratisierungstaumel, die Auslieferung unseres öffentlichen Lebens an den Mammonismus und das Großmaultum der Parlamente, ist nicht mehr zu hemmen. Aber andererseits glaube ich fest, daß gerade durch die teilweise Gleichmacherei der Menschen im Kriege nachher nie umso schrankenloserer Individualismus einsetzen wird. Viele, sehr viele, die jetzt auf ein Niveau mit jedem Knecht heruntergedrückt werden, werden einem ebenso maßlosen wie berechtigten Aristokratismus huldigen. Die innerliche Auflehnung der besseren, geistigen Menschen gegen den faulen Zauber der Demokratie wird sehr stark sein und ihre Früchte tragen. Alles riecht jetzt nach Verzweiflung. Ich las eben den Hyperion von Hölderlin und fand davon den Ausspruch: „Wer Äußerstes leidet, dem ist das Äußerste recht.“ – Über das Kapitel {3} „Deutschenhaß“ kann man jetzt noch nicht reden (soweit es nicht nur der Haß der Entente gegen uns ist). Aber nach dem Kriege wird darüber manches zu sagen sein und ich glaube, wenig Erfreuliches. Was Sie von dem großen Irrtum, der Überschätzung des Krämers als staatserhaltendes Element sagen, ist tief wahr. Wie bezeichnend ist doch der seinerzeit veröffentlichte Demobilisierungsplan der deutschen Regierung, wo die geistigen Arbeiter, alle die Gelehrten und Künstler, überhaupt nicht erwähnt waren sondern nur von Arbeitern, Kaufleuten und Beamten die Rede war. Ebenso die sinnlose blinde Unterschätzung der wahren oder besser: einzigen Kulturträger bei denen, die vorgeben ein neueres besseres Deutschland aufbauen zu wollen. So las ich den Wahlrechtsentwurf zu einem proportionalen Wahlrecht für Preußen von einem Konservativen in der alldeutschen Zeitschift „Deutschlands Erneuerung,“ worin wiederum die Gelehrten und Künstler völlig übergangen wurden. Ja, merkwürdig {4} verschieden sind die Anschauungen über „Kultur.“ Das einzige Mittel, nach dem Kriege ohne Ekel leben zu können, wird sein: in der Natur, fern der Großstadt und ohne Zeitungen zu leben. Könnte es nicht bald soweit sein??


Ihnen allerbeste Erholung
und Arbeitskraft wünschend
verbleibe ich
mit den besten Grüßen
Ihr
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012


Vilnius, July 10, 1917

Dear, revered Master, 1

Your kind and long letter 2 reached me yesterday. I sincerely look forward to the results of your recent researches, and especially that you can now complete Counterpoint 2 in the mountains undisturbed. My Berlin affairs are still "dangling." There are many complicated layers of jurisdiction to pass through before the travel orders come for me. But I hope that they will come ultimately. Waiting around has been the most grueling experience of all in this war. I have some bad weeks behind me, physically and emotionally; but I hold myself together with all remaining strength.

{2} Less pleasant is what is now happening to the country. One can no longer halt the delirium of democracy and the surrender of our public life to the mammonism and loudmouth behavior of the parliament. But on the other hand I firmly believe that, precisely through the partial egalitarianism of people in war, afterwards individualism will take shape in an all-the-more limitless capacity than ever before seen. Many, many people, who are now forced down to the level of every minion, will embrace an excessive yet equally justified aristocratism. The inner revolt of better, intellectual people will be very strong against the rotten spell of democracy and will bear its fruit. Now everything reeks of despair. I just read Hölderlin's Hyperion and found the following sentence: "For he who suffers in extremity, extremity is right to him." – About the chapter {3} "The Hatred of the Germans" one cannot yet speak (so long as it is not exclusively about the hatred of the Entente against us). But after the war there will be some things to say and I think they will not be very pleasant things. What you say about the great error of overestimating the common man as a state-preserving element is deeply true. How telling is the demobilization plan previously released by the German government, which makes no mention of intellectuals, scholars and artists, but instead speaks only about laborers, business people, and public servants. Likewise the senselessly blind undervaluation of the true – or better – the only bearers of culture with whom they pretend to want to build a new and better Germany. I read about the draft of the electoral law for a proportional electoral system in Prussia from a conservative writer in the über-German newspaper Deutschlands Erneuerung, where scholars and artists are yet again completely passed over. Yes, strangely {4} divergent are the views about "culture." The only means by which to live without disgust after the war will be to live in nature, far away from the metropolis and without newspapers. Could it be so far away??


Wishing you all the best for recovery
and strength to work,
I remain,
with best greetings,
Yours,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012


Wilna, den 10. Juli 1917.

Lieber, verehrter Meister! 1

Ihr freundlicher langer Brief 2 erreichte mich gestern. Ich freue mich aufrichtig über das Ergebnis Ihrer neuerlichen Musterung und vor allem darüber, daß Sie nun in den Bergen ungestört den II2 beenden können. Meine Berliner Angelegenheit „schwebt“ noch. Da sind viele umständliche Instanzen zu durchlaufen, ehe für mich der Marschbefehl kommt. Aber hoffentlich kommt er überhaupt. Das Abwarten ist ja gerade das Zermürbendste in diesem Kriege gewesen. Ich habe schlechte Wochen hinter mir, körperlich und seelisch; aber ich halte mich mit aller Restkraft zusammen.

{2} Wenig erfreulich ist das, was jetzt im Lande vor sich geht. Der Demokratisierungstaumel, die Auslieferung unseres öffentlichen Lebens an den Mammonismus und das Großmaultum der Parlamente, ist nicht mehr zu hemmen. Aber andererseits glaube ich fest, daß gerade durch die teilweise Gleichmacherei der Menschen im Kriege nachher nie umso schrankenloserer Individualismus einsetzen wird. Viele, sehr viele, die jetzt auf ein Niveau mit jedem Knecht heruntergedrückt werden, werden einem ebenso maßlosen wie berechtigten Aristokratismus huldigen. Die innerliche Auflehnung der besseren, geistigen Menschen gegen den faulen Zauber der Demokratie wird sehr stark sein und ihre Früchte tragen. Alles riecht jetzt nach Verzweiflung. Ich las eben den Hyperion von Hölderlin und fand davon den Ausspruch: „Wer Äußerstes leidet, dem ist das Äußerste recht.“ – Über das Kapitel {3} „Deutschenhaß“ kann man jetzt noch nicht reden (soweit es nicht nur der Haß der Entente gegen uns ist). Aber nach dem Kriege wird darüber manches zu sagen sein und ich glaube, wenig Erfreuliches. Was Sie von dem großen Irrtum, der Überschätzung des Krämers als staatserhaltendes Element sagen, ist tief wahr. Wie bezeichnend ist doch der seinerzeit veröffentlichte Demobilisierungsplan der deutschen Regierung, wo die geistigen Arbeiter, alle die Gelehrten und Künstler, überhaupt nicht erwähnt waren sondern nur von Arbeitern, Kaufleuten und Beamten die Rede war. Ebenso die sinnlose blinde Unterschätzung der wahren oder besser: einzigen Kulturträger bei denen, die vorgeben ein neueres besseres Deutschland aufbauen zu wollen. So las ich den Wahlrechtsentwurf zu einem proportionalen Wahlrecht für Preußen von einem Konservativen in der alldeutschen Zeitschift „Deutschlands Erneuerung,“ worin wiederum die Gelehrten und Künstler völlig übergangen wurden. Ja, merkwürdig {4} verschieden sind die Anschauungen über „Kultur.“ Das einzige Mittel, nach dem Kriege ohne Ekel leben zu können, wird sein: in der Natur, fern der Großstadt und ohne Zeitungen zu leben. Könnte es nicht bald soweit sein??


Ihnen allerbeste Erholung
und Arbeitskraft wünschend
verbleibe ich
mit den besten Grüßen
Ihr
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012


Vilnius, July 10, 1917

Dear, revered Master, 1

Your kind and long letter 2 reached me yesterday. I sincerely look forward to the results of your recent researches, and especially that you can now complete Counterpoint 2 in the mountains undisturbed. My Berlin affairs are still "dangling." There are many complicated layers of jurisdiction to pass through before the travel orders come for me. But I hope that they will come ultimately. Waiting around has been the most grueling experience of all in this war. I have some bad weeks behind me, physically and emotionally; but I hold myself together with all remaining strength.

{2} Less pleasant is what is now happening to the country. One can no longer halt the delirium of democracy and the surrender of our public life to the mammonism and loudmouth behavior of the parliament. But on the other hand I firmly believe that, precisely through the partial egalitarianism of people in war, afterwards individualism will take shape in an all-the-more limitless capacity than ever before seen. Many, many people, who are now forced down to the level of every minion, will embrace an excessive yet equally justified aristocratism. The inner revolt of better, intellectual people will be very strong against the rotten spell of democracy and will bear its fruit. Now everything reeks of despair. I just read Hölderlin's Hyperion and found the following sentence: "For he who suffers in extremity, extremity is right to him." – About the chapter {3} "The Hatred of the Germans" one cannot yet speak (so long as it is not exclusively about the hatred of the Entente against us). But after the war there will be some things to say and I think they will not be very pleasant things. What you say about the great error of overestimating the common man as a state-preserving element is deeply true. How telling is the demobilization plan previously released by the German government, which makes no mention of intellectuals, scholars and artists, but instead speaks only about laborers, business people, and public servants. Likewise the senselessly blind undervaluation of the true – or better – the only bearers of culture with whom they pretend to want to build a new and better Germany. I read about the draft of the electoral law for a proportional electoral system in Prussia from a conservative writer in the über-German newspaper Deutschlands Erneuerung, where scholars and artists are yet again completely passed over. Yes, strangely {4} divergent are the views about "culture." The only means by which to live without disgust after the war will be to live in nature, far away from the metropolis and without newspapers. Could it be so far away??


Wishing you all the best for recovery
and strength to work,
I remain,
with best greetings,
Yours,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012

Footnotes

1 Receipt of this letter, which is written in Sütterlinschrift, is recorded in Schenker's diary at OJ 2/8, p. 716, July 15, 1917: "Von Dahms (Br.): dankt für den meinigen, teilt seine die Ansicht über die Demokratie, hofft aber, daß gerade im Gegensatz zu ihr der individuelle Aristokratismus sich nun desto stärker herausbilden werde. Wünscht Erfolg zur Arbeit." ("From Dahms (letter): thanks [me] for mine, conveys his opinion of democracy, but hopes that,in contrast to it, individual aristocratism will now emerge all the strong. Wishes success for [my] work.").

2 Writing of this letter appears not to have been recorded in Schenker's diary.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2012-12-05
Last updated: 2012-12-05