[printed letterhead written in old cyrillic script]

M[inistèrstvo] V[nùtrennih] D[el]
Zaveduyutschij
Murav’yovskim Muzeem
................dnya 191[7] g[oda]
g[órod] Vil’na


Wilna, d. 8. 6. 17.

Lieber, verehrter Meister! 1

In der zweiten Hälfte des Mai war ich zwei Wochen auf Urlaub in Berlin, wieder einmal unter menschlichen Verhältnissen. Ich habe große Anstrengungen gemacht, meine Versetzung nach Berlin ins Werk zu setzen und ich hoffe, daß ich Wilna bald den Rücken {2} kehren darf. Man hat mich für eine Stelle im Kriegsamt ausersehen, wo mir gleichzeitig Gelegenheit gegeben werden soll, etwas für mich zu arbeiten.

Hier liegt es wie ein Alp. auf mir. Ich habe viele freie Stunden gehabt; aber ich bin wie gelähmt. Musizieren geht garnicht. Das Einzige was ich tun ist: lesen. Jetzt stehe ich bei den Dänen Sören Kierkegaard, der mir viel Kraft und Mut und Hoffnung gibt mit seinem „Entweder/Oder“ und den „Stadien auf dem Lebensweg.“ Ich bin überwältigt von diesem Reichtum, von der Kraft und Größe seiner ethischen Anschauungen. Wenn man ihn kennt, {3} versteht man, warum in unserer Zeit nicht die Rede von ihm ist. Wird unsere Zeit nicht immer schlimmer; gleicht nicht alles immer mehr dem Abgrund zu? Dürfen wir noch hoffen, daß die Kunst, die Musik, noch einmal einer Blüte, ach bloß einer gerechten Würdigung entgegengeht? Ich möchte jede Hoffnung fahren lassen. Aber von jeher blieb ja die höchste Forderung und Anschauung nur den Wenigen überlassen. Je demokratischer die Zeit und die Gesellschaft wird, je mehr die Individualität unterdrückt werden soll (wir in der Uniform können das ganz verstehen!) desto gebieterischer regt sich das Selbst- {4} bewußtsein, der Drang, sich von der Masse abzusondern, wie Einzelner und Einziger für sich zu sein. Was für einen m Stolz müssen Sie fühlen! Wie zittere ich, wenn ich davon denk, daß vielleicht bald die Zeit kommt, wo ich noch einmal, zum ersten Mal, lernen darf, zur Höhe streben darf. Wie glücklich bin ich, daß diese furchtbaren Zeiten (schon 2 1/2 Jahr!!!) mir wenigstens das Eine gebracht haben: daß ich mit voller Überlegung wählen konnte, daß ich das Entweder/Oder meiner Zukunft mit aller Sicherheit entscheiden durfte. Kierkegaard würde mit mir zufrieden sein. Es gibt nun kein {5} zweifeln und Schwanken mehr. Vielleicht mußte ich auch erst 30 Jahre alt werden? Man weiß das ja nie.

Ende Juni werden Sie wieder in die Bergen gehen? Bringen Sie doch den Frieden mit herunter! Ich hoffe, wenn ich nach Berlin versetzt werde, wenigstens den Vorteil zu haben, schnell entlassen zu werden, wenn der Waffenstillstand kommt. – Also immer Hoffnungen! – Wie weit ist der „Kontrapunkt II) ?


Nun meine besten Grüße!
In dankbarer Ergebenheit
Ihr
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012

[printed letterhead written in old cyrillic script]

Ministry of Internal Affairs
Head of the
Muravyov Museum
................day 191[7] year
City of Vilnius


Vilnius, June 8, 1917

Dear, revered Master, 1

In the second half of May I was on leave in Berlin for two weeks, once again with human contact. I have made great efforts to get a work transfer to Berlin and I hope that I may soon be able to turn my back on Vilnius. {2} I had been chosen for a position in the War Office, which should offer me simultaneously the opportunity to work on something of my own.

Here it's like a nightmare. I have had many free hours; but I am completely debilitated. I do not make music at all. The only thing I do is read. Right now I am reading Sören Kierkegaard, who gives me much strength and courage with his Either/Or and his Stages on Life’s Way. I am overwhelmed by such richness, by the strength and greatness of his ethical views. When one knows him {3} one understands why in our time one does not speak of him. Is not our time becoming ever worse; does not everything resemble more and more the abyss? May we still hope that art and music is moving toward another blossoming, or at least a legitimate appreciation? I would like to abandon all hope. But it has always been the case that such high demands and notions are left only to the few. The more democratic the times and society become, and the more individuality is suppressed (we who wear uniforms understand this completely!), the more commandingly will self-consciousness {4} stir the impulse to detach itself from the masses, to live for itself, individual and autonomous. What pride you must feel! How I shiver when I think that the time may come when I can learn again for the first time, when I may strive to greater heights. How lucky am I that these dreadful times (already two-and-a-half years!!!) at least have brought me one thing: I could choose with complete deliberation, and I was able to decide the either/or of my future with complete certainty. Kierkegaard would be happy with me. Now there is no more {5} doubt or indecision. Perhaps I first had to turn thirty years old? One never knows.

Will you go again to the mountains at the end of June? Bring peace back down with you! I hope that, when I am transferred to Berlin, I will at least have the advantage of being quickly released if the armistice comes. – There is always hope! – How far along is Counterpoint 2 ?


My best greetings!
In thankful devotion,
Yours,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012

[printed letterhead written in old cyrillic script]

M[inistèrstvo] V[nùtrennih] D[el]
Zaveduyutschij
Murav’yovskim Muzeem
................dnya 191[7] g[oda]
g[órod] Vil’na


Wilna, d. 8. 6. 17.

Lieber, verehrter Meister! 1

In der zweiten Hälfte des Mai war ich zwei Wochen auf Urlaub in Berlin, wieder einmal unter menschlichen Verhältnissen. Ich habe große Anstrengungen gemacht, meine Versetzung nach Berlin ins Werk zu setzen und ich hoffe, daß ich Wilna bald den Rücken {2} kehren darf. Man hat mich für eine Stelle im Kriegsamt ausersehen, wo mir gleichzeitig Gelegenheit gegeben werden soll, etwas für mich zu arbeiten.

Hier liegt es wie ein Alp. auf mir. Ich habe viele freie Stunden gehabt; aber ich bin wie gelähmt. Musizieren geht garnicht. Das Einzige was ich tun ist: lesen. Jetzt stehe ich bei den Dänen Sören Kierkegaard, der mir viel Kraft und Mut und Hoffnung gibt mit seinem „Entweder/Oder“ und den „Stadien auf dem Lebensweg.“ Ich bin überwältigt von diesem Reichtum, von der Kraft und Größe seiner ethischen Anschauungen. Wenn man ihn kennt, {3} versteht man, warum in unserer Zeit nicht die Rede von ihm ist. Wird unsere Zeit nicht immer schlimmer; gleicht nicht alles immer mehr dem Abgrund zu? Dürfen wir noch hoffen, daß die Kunst, die Musik, noch einmal einer Blüte, ach bloß einer gerechten Würdigung entgegengeht? Ich möchte jede Hoffnung fahren lassen. Aber von jeher blieb ja die höchste Forderung und Anschauung nur den Wenigen überlassen. Je demokratischer die Zeit und die Gesellschaft wird, je mehr die Individualität unterdrückt werden soll (wir in der Uniform können das ganz verstehen!) desto gebieterischer regt sich das Selbst- {4} bewußtsein, der Drang, sich von der Masse abzusondern, wie Einzelner und Einziger für sich zu sein. Was für einen m Stolz müssen Sie fühlen! Wie zittere ich, wenn ich davon denk, daß vielleicht bald die Zeit kommt, wo ich noch einmal, zum ersten Mal, lernen darf, zur Höhe streben darf. Wie glücklich bin ich, daß diese furchtbaren Zeiten (schon 2 1/2 Jahr!!!) mir wenigstens das Eine gebracht haben: daß ich mit voller Überlegung wählen konnte, daß ich das Entweder/Oder meiner Zukunft mit aller Sicherheit entscheiden durfte. Kierkegaard würde mit mir zufrieden sein. Es gibt nun kein {5} zweifeln und Schwanken mehr. Vielleicht mußte ich auch erst 30 Jahre alt werden? Man weiß das ja nie.

Ende Juni werden Sie wieder in die Bergen gehen? Bringen Sie doch den Frieden mit herunter! Ich hoffe, wenn ich nach Berlin versetzt werde, wenigstens den Vorteil zu haben, schnell entlassen zu werden, wenn der Waffenstillstand kommt. – Also immer Hoffnungen! – Wie weit ist der „Kontrapunkt II) ?


Nun meine besten Grüße!
In dankbarer Ergebenheit
Ihr
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012

[printed letterhead written in old cyrillic script]

Ministry of Internal Affairs
Head of the
Muravyov Museum
................day 191[7] year
City of Vilnius


Vilnius, June 8, 1917

Dear, revered Master, 1

In the second half of May I was on leave in Berlin for two weeks, once again with human contact. I have made great efforts to get a work transfer to Berlin and I hope that I may soon be able to turn my back on Vilnius. {2} I had been chosen for a position in the War Office, which should offer me simultaneously the opportunity to work on something of my own.

Here it's like a nightmare. I have had many free hours; but I am completely debilitated. I do not make music at all. The only thing I do is read. Right now I am reading Sören Kierkegaard, who gives me much strength and courage with his Either/Or and his Stages on Life’s Way. I am overwhelmed by such richness, by the strength and greatness of his ethical views. When one knows him {3} one understands why in our time one does not speak of him. Is not our time becoming ever worse; does not everything resemble more and more the abyss? May we still hope that art and music is moving toward another blossoming, or at least a legitimate appreciation? I would like to abandon all hope. But it has always been the case that such high demands and notions are left only to the few. The more democratic the times and society become, and the more individuality is suppressed (we who wear uniforms understand this completely!), the more commandingly will self-consciousness {4} stir the impulse to detach itself from the masses, to live for itself, individual and autonomous. What pride you must feel! How I shiver when I think that the time may come when I can learn again for the first time, when I may strive to greater heights. How lucky am I that these dreadful times (already two-and-a-half years!!!) at least have brought me one thing: I could choose with complete deliberation, and I was able to decide the either/or of my future with complete certainty. Kierkegaard would be happy with me. Now there is no more {5} doubt or indecision. Perhaps I first had to turn thirty years old? One never knows.

Will you go again to the mountains at the end of June? Bring peace back down with you! I hope that, when I am transferred to Berlin, I will at least have the advantage of being quickly released if the armistice comes. – There is always hope! – How far along is Counterpoint 2 ?


My best greetings!
In thankful devotion,
Yours,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012

Footnotes

1 Receipt of this letter, which is written in Sütterlinschrift, is recorded in Schenker's diary at OJ 2/7, p. 689, June 14, 1917: "Von Dahms (Br.): geht wahrscheinlich nach Berlin ab, schwärmt für Kierkegaard, dessen Widerwillen gegen Die Demokratie er teilt; glaubt nunmehr auch an das Ende der Tonkunst; freut sich aber auf das Lernen[?]." ("From Dahms (letter): is probably going to Berlin, is enthusiastic about Kierkegaard, whose loathing for democracy he shares; now believes even in the end of music; but looks forward to studying[?].").

Commentary

Format
5p letter, Bogen format, printed letterhead in Cyrillic script, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2012-12-05
Last updated: 2012-12-05