Wilna, den 26. XI. 16.
beim Deutschen Stadthauptmann
Feldpoststation 166.

Lieber, verehrter Meister! 1

In meinen freien Stunden sitze ich jetzt wieder an Ihren Musikalischen Theorien und Phantasien und versuche, mich in diese Welt zurückzufinden, die für uns die einzig mögliche, weil erhabene und schöne ist. Zudem lese ich jetzt wie gebannt in Sören Kierkegaards Werken und {2} schöpfe daraus unendlich viel Trost. Für uns ist ja vorläufig noch keine Erlösung abzusehen; deshalb muss man schon versuchen, sich „hart“ zu machen, um bestehen bleiben zu können.

Einige Tage, die ich wieder in Berlin verbringen durfte, erweckten die Sehnsucht, wieder mittun zu dürfen am geistigen Werk, auf das lebhafteste. Aber was für ein trauriges Kapitel ist doch das sogenannte geistige Leben in Berlin! Ich war 2 mal im Theater und sah Kotzebues „Die beiden Klingsberg,“ {3} und Strindbergs „Gespenstersonata,“ beides um wirklich ausgezeichnete Leistungen von Schauspielervirtuosen zu sehen. Es wurde in den zahllosen Theatern nichts gegeben, was mich noch mehr hätte anziehen können. Ein beklagenswerter Standpunkt.

Im Januar wird, einer Einladung des Wiener Tonkünstler-Vereins folgend, der Berliner Tondichter Willÿ von Moellendorff, ein sehr guter lieben Bekannter von mir, sein „Vierteltonharmonium“ in Wien zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorführen. Vielleicht {4} interessieren Sie sich dafür. Die „Hÿpermodernen“ freuen sich zum Enkotzen [sic] Moellendorffs schon auf die „neuen harmonischen Kombinationen.“

Es gibt viel Schönes auf diesem Instrument; aber natürlich noch mehr Scheussliches an Möglichkeiten. Wehe uns!

Wie weit sind Sie mit Ihrer Arbeit?


Bitte schreiben Sie einmal wieder
Ihrem
herzlichst grüssenden
ergebenen
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012


Wilna, November 26, 1916
at the German city authority
Army Postal Station 166

Dear, revered Master, 1

In my free time I am again sitting down with your "Musical Theories and Fantasies" and I try to find myself once again in this world, which for us is the only one possible because of its sublimity and beauty. In addition I am reading with fascination Sören Kierkegaard's works and {2} I draw immense comfort from this. Temporarily for us we still do not foresee any redemption; therefore one must try to make oneself "firm" in order to continue to survive.

Some days ago, as I was able once again to pass some time in Berlin, the yearning awakened in me to be able to recommence with intellectual work, in the most intense way. But what a pitiful chapter in the so-called intellectual life of Berlin! I went to the theater twice and saw Kotzebue's Die beiden Klingsberg {3} and Strindberg's Gespenstersonata, both with truly amazing performances by virtuosic actors. In the countless theaters nothing was offered that would have attracted me more. An unfortunate viewpoint.

In January, on the invitation of the Vienna Association of Musicians, the Berlin composer Willy von Moellendorff, a very good friend of mine, will show to the public his "Quarter-tone Harmonium" in Vienna for the first time. Perhaps {4} you would be interested in such a thing. The "hyper modernists" already look forward to the "new harmonic combinations" of Moellendorff's instrument to the point of puking.

There are many beautiful things about this instrument; but of course there is more disgust than there are possibilities. Woe to us!

How far along are you with your work?


Please write once again.
With cordial greetings,
Your
devoted
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012


Wilna, den 26. XI. 16.
beim Deutschen Stadthauptmann
Feldpoststation 166.

Lieber, verehrter Meister! 1

In meinen freien Stunden sitze ich jetzt wieder an Ihren Musikalischen Theorien und Phantasien und versuche, mich in diese Welt zurückzufinden, die für uns die einzig mögliche, weil erhabene und schöne ist. Zudem lese ich jetzt wie gebannt in Sören Kierkegaards Werken und {2} schöpfe daraus unendlich viel Trost. Für uns ist ja vorläufig noch keine Erlösung abzusehen; deshalb muss man schon versuchen, sich „hart“ zu machen, um bestehen bleiben zu können.

Einige Tage, die ich wieder in Berlin verbringen durfte, erweckten die Sehnsucht, wieder mittun zu dürfen am geistigen Werk, auf das lebhafteste. Aber was für ein trauriges Kapitel ist doch das sogenannte geistige Leben in Berlin! Ich war 2 mal im Theater und sah Kotzebues „Die beiden Klingsberg,“ {3} und Strindbergs „Gespenstersonata,“ beides um wirklich ausgezeichnete Leistungen von Schauspielervirtuosen zu sehen. Es wurde in den zahllosen Theatern nichts gegeben, was mich noch mehr hätte anziehen können. Ein beklagenswerter Standpunkt.

Im Januar wird, einer Einladung des Wiener Tonkünstler-Vereins folgend, der Berliner Tondichter Willÿ von Moellendorff, ein sehr guter lieben Bekannter von mir, sein „Vierteltonharmonium“ in Wien zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorführen. Vielleicht {4} interessieren Sie sich dafür. Die „Hÿpermodernen“ freuen sich zum Enkotzen [sic] Moellendorffs schon auf die „neuen harmonischen Kombinationen.“

Es gibt viel Schönes auf diesem Instrument; aber natürlich noch mehr Scheussliches an Möglichkeiten. Wehe uns!

Wie weit sind Sie mit Ihrer Arbeit?


Bitte schreiben Sie einmal wieder
Ihrem
herzlichst grüssenden
ergebenen
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012


Wilna, November 26, 1916
at the German city authority
Army Postal Station 166

Dear, revered Master, 1

In my free time I am again sitting down with your "Musical Theories and Fantasies" and I try to find myself once again in this world, which for us is the only one possible because of its sublimity and beauty. In addition I am reading with fascination Sören Kierkegaard's works and {2} I draw immense comfort from this. Temporarily for us we still do not foresee any redemption; therefore one must try to make oneself "firm" in order to continue to survive.

Some days ago, as I was able once again to pass some time in Berlin, the yearning awakened in me to be able to recommence with intellectual work, in the most intense way. But what a pitiful chapter in the so-called intellectual life of Berlin! I went to the theater twice and saw Kotzebue's Die beiden Klingsberg {3} and Strindberg's Gespenstersonata, both with truly amazing performances by virtuosic actors. In the countless theaters nothing was offered that would have attracted me more. An unfortunate viewpoint.

In January, on the invitation of the Vienna Association of Musicians, the Berlin composer Willy von Moellendorff, a very good friend of mine, will show to the public his "Quarter-tone Harmonium" in Vienna for the first time. Perhaps {4} you would be interested in such a thing. The "hyper modernists" already look forward to the "new harmonic combinations" of Moellendorff's instrument to the point of puking.

There are many beautiful things about this instrument; but of course there is more disgust than there are possibilities. Woe to us!

How far along are you with your work?


Please write once again.
With cordial greetings,
Your
devoted
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 2/5, pp. 524‒525, December 1, 1916: "Von Dahms (Br.): sucht sich wieder der Musik zu nähren, liest meine Theorien u. auch Kierkegaard,woraus er Trost schöpft; kürzlich in Berlin gewesen u. zwei Theaterabende mitgemacht, findet aber das geistige Leben dort sehr reduziert. Er bittet schließlich mit etwas verlegenen Worten um mein Interesse für das Streben Willy v. Möllendorf, der im Wiener-Tonkünstler-Verein demnächst auf einem Viertelton Instrument einige Produktionen ausführen werde." ("From Dahms (letter): is trying to refresh himself again through music, is reading my Theories and also Kierkegaard, in which he finds comfort; has been briefly in Berlin, and participated in two theater evenings, but finds the intellectual life there much depleted. Finally he asks in rather embarrased terms for my interest in the efforts of Willy von Möllendorf, who will be performing some of what he has produced in the Vienna Association of Musicians on a quarter-tone instrument.").

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2012-09-29
Last updated: 2012-09-29