Charlottenburg 5
Friedbergstr. 223.
den 27. III. 14

Sehr geehrter Herr Dr! 1

Aus einem persönlichen Anlass nehme ich mir diesmal die Freiheit, an Sie zu schreiben und Sie um Ihren Rat zu bitten. Wie Sie wohl wissen und ich Ihnen auch seinerzeit mitteilte, bin ich hier in Berlin als Musikkritiker tätig; und zwar bin ich bei der Kreuz-Zeitung angestellt. Mein dringendster Wunsch ist, noch einmal von Grund auf theoretische Studien zu treiben. Meine Ausbildung ist die gewöhnliche gewesen ‒ man lernt einen reinen vierstimmigen Satz, macht Übungen im Kontrapunkt und stümpert ein paar Fugen zusammen. Wenn ich nun, wo mein heissester Trieb zur Komposition mich treibt, an die Arbeit gehe, merke ich wie es hier und da und an allen Ecken an Leichtigkeit der Beherrschung des Stoffes im Sinne unserer grossen Vorbilder fehlt. Wenn {2} ich dann noch die beiden Bände Ihrer „Musikalischen Theorien und Phantasien 2 aufschlage, sehe ich es schwarz auf weiss, was mir fehlt.

Unter alles, was ich bisher komponiert habe – in der Hauptsache Lieder ‒ möchte ich einen Strich machen und noch einmal in die Schule gehen, in die strengste – in Ihre.

Da eine Übersiedelung nach Wien für mich von vielen Faktoren abhängig ist, möchte ich zuerst eine Frage an Sie richten: Wissen Sie in Berlin jemanden, bei dem ich in Ihrem Sinne „gründlich“ die musikalische Theorie noch einmal ganz von vorn studieren könnte? – Trotzdem ich die nun fast 27 Jahre meines Lebens hier zugebracht habe, weiss ich niemanden, dem ich mich in der Theorie anvertrauen möchte.

Glauben Sie mir, ich hätte wahrhaftig schon früher dieses Neustudium begonnen, wenn mich nicht das Leben ganze 7 Jahre {3} hindurch mit seiner ganzen Last fast zu Boden gedruckt hätte[.]

Nun würde ich ja sehr gern und sogar am liebsten von hier fort und nach Wien kommen, wenn ich in Wien eine Existenz als Musikkritiker bei irgend einer Zeitung finden würde. Deshalb wende ich mich mit einer anderen Frage an Sie: an wen muss ich mich wenden mit meinem Wunsch, in Wien als Musikkritiker unterzukommen[?] Haben Sie selbst irgend welche Beziehungen, durch die Sie mich vielleicht auf eine Gelegenheit aufmerksam machen könnten? 3 Es wäre mein sehnlichster Wunsch dorthin zu kommen.

Bitte verzeihen Sie, wenn ich Sie mit so viel Fragen und Bitten behelligt habe. Aber ich habe niemand, an {4} den ich mich wenden könnte.


Mit der Bitte um
eine gütige Antwort
verbleibe ich
in grösster Hochachtung
und Verehrung
Ihr ergebenster
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012


Charlottenburg 5
Friedbergstraße 223
March 27, 1914

Dear Dr. [Schenker], 1

Out of a personal motivation I am taking the liberty of writing you to ask for advice. As you fully know, and as I have already told you, I am currently active as a music critic in Berlin; I am actually employed at the Kreuz-Zeitung . My greatest wish is to pursue [music] theoretical studies once again from the ground up. My education has been the usual ‒ one learns pure four-part voice-leading, does exercises in counterpoint, and fumbles a couple of fugues together. As I go to work, when my burning urge to compose propels me, I notice here and there and in all respects the ease of the mastery of [musical] material (in the sense of our great models) is lacking. When {2} I again open the two volumes of your Musical Theories and Fantasies, 2 I can see what I am lacking in pure black and white.

Amidst all of this, what I have up to now composed ‒ for the most songs ‒ I would like to leave behind and enroll once again in school ‒ your school.

Since moving to Vienna is dependent on a number of factors, I would first of all like to ask you a question: do you know anyone in Berlin with whom I could study the "foundations" (in your sense of the word) of music theory from the beginning? Even though I have spent nearly twenty-seven years of my life here, I do not know a single person to whom I could entrust myself with theory.

Believe me, I truly would have restarted these studies earlier if life in the past seven years {3} had not thrown me to the floor with all its weight.

I would gladly leave this place and come to Vienna if only I could find employment in Vienna as a music critic at some newspaper or other. Therefore I turn to another question for you: to whom must I express my desire for working in Vienna as a music critic? Do you happen to have any connections whom you could make known to me for an opportunity? 3 It really would be my most ardent wish to come there.

Please excuse me if I have bothered you with so many questions. I simply have no one to whom {4} I could turn.


Asking for your
gracious response
I remain,
with the greatest respect
and admiration,
Yours most truly,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012


Charlottenburg 5
Friedbergstr. 223.
den 27. III. 14

Sehr geehrter Herr Dr! 1

Aus einem persönlichen Anlass nehme ich mir diesmal die Freiheit, an Sie zu schreiben und Sie um Ihren Rat zu bitten. Wie Sie wohl wissen und ich Ihnen auch seinerzeit mitteilte, bin ich hier in Berlin als Musikkritiker tätig; und zwar bin ich bei der Kreuz-Zeitung angestellt. Mein dringendster Wunsch ist, noch einmal von Grund auf theoretische Studien zu treiben. Meine Ausbildung ist die gewöhnliche gewesen ‒ man lernt einen reinen vierstimmigen Satz, macht Übungen im Kontrapunkt und stümpert ein paar Fugen zusammen. Wenn ich nun, wo mein heissester Trieb zur Komposition mich treibt, an die Arbeit gehe, merke ich wie es hier und da und an allen Ecken an Leichtigkeit der Beherrschung des Stoffes im Sinne unserer grossen Vorbilder fehlt. Wenn {2} ich dann noch die beiden Bände Ihrer „Musikalischen Theorien und Phantasien 2 aufschlage, sehe ich es schwarz auf weiss, was mir fehlt.

Unter alles, was ich bisher komponiert habe – in der Hauptsache Lieder ‒ möchte ich einen Strich machen und noch einmal in die Schule gehen, in die strengste – in Ihre.

Da eine Übersiedelung nach Wien für mich von vielen Faktoren abhängig ist, möchte ich zuerst eine Frage an Sie richten: Wissen Sie in Berlin jemanden, bei dem ich in Ihrem Sinne „gründlich“ die musikalische Theorie noch einmal ganz von vorn studieren könnte? – Trotzdem ich die nun fast 27 Jahre meines Lebens hier zugebracht habe, weiss ich niemanden, dem ich mich in der Theorie anvertrauen möchte.

Glauben Sie mir, ich hätte wahrhaftig schon früher dieses Neustudium begonnen, wenn mich nicht das Leben ganze 7 Jahre {3} hindurch mit seiner ganzen Last fast zu Boden gedruckt hätte[.]

Nun würde ich ja sehr gern und sogar am liebsten von hier fort und nach Wien kommen, wenn ich in Wien eine Existenz als Musikkritiker bei irgend einer Zeitung finden würde. Deshalb wende ich mich mit einer anderen Frage an Sie: an wen muss ich mich wenden mit meinem Wunsch, in Wien als Musikkritiker unterzukommen[?] Haben Sie selbst irgend welche Beziehungen, durch die Sie mich vielleicht auf eine Gelegenheit aufmerksam machen könnten? 3 Es wäre mein sehnlichster Wunsch dorthin zu kommen.

Bitte verzeihen Sie, wenn ich Sie mit so viel Fragen und Bitten behelligt habe. Aber ich habe niemand, an {4} den ich mich wenden könnte.


Mit der Bitte um
eine gütige Antwort
verbleibe ich
in grösster Hochachtung
und Verehrung
Ihr ergebenster
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012


Charlottenburg 5
Friedbergstraße 223
March 27, 1914

Dear Dr. [Schenker], 1

Out of a personal motivation I am taking the liberty of writing you to ask for advice. As you fully know, and as I have already told you, I am currently active as a music critic in Berlin; I am actually employed at the Kreuz-Zeitung . My greatest wish is to pursue [music] theoretical studies once again from the ground up. My education has been the usual ‒ one learns pure four-part voice-leading, does exercises in counterpoint, and fumbles a couple of fugues together. As I go to work, when my burning urge to compose propels me, I notice here and there and in all respects the ease of the mastery of [musical] material (in the sense of our great models) is lacking. When {2} I again open the two volumes of your Musical Theories and Fantasies, 2 I can see what I am lacking in pure black and white.

Amidst all of this, what I have up to now composed ‒ for the most songs ‒ I would like to leave behind and enroll once again in school ‒ your school.

Since moving to Vienna is dependent on a number of factors, I would first of all like to ask you a question: do you know anyone in Berlin with whom I could study the "foundations" (in your sense of the word) of music theory from the beginning? Even though I have spent nearly twenty-seven years of my life here, I do not know a single person to whom I could entrust myself with theory.

Believe me, I truly would have restarted these studies earlier if life in the past seven years {3} had not thrown me to the floor with all its weight.

I would gladly leave this place and come to Vienna if only I could find employment in Vienna as a music critic at some newspaper or other. Therefore I turn to another question for you: to whom must I express my desire for working in Vienna as a music critic? Do you happen to have any connections whom you could make known to me for an opportunity? 3 It really would be my most ardent wish to come there.

Please excuse me if I have bothered you with so many questions. I simply have no one to whom {4} I could turn.


Asking for your
gracious response
I remain,
with the greatest respect
and admiration,
Yours most truly,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 1/14, p. 545, March 27, 1914: "Brief von Dahms traurigen Inhalts. Er bittet nach Wien kommen zu dürfen, um Theorie bei mir zu studieren, meint aber in erster Linie eine Stelle als Musik-Kritiker, die ich durch meine Beziehungen eben vielleicht verschaffen könnte." ("Letter from Dahms sad in content. He asks to be allowed to come to Vienna in order to study theory with me. But he intends as his first preference [to gain] a position as music critic, which I might be able to procure through my contacts.").

2 Dahms is referring here to Schenker's Harmonielehre (Stuttgart: Cotta, 1906) and Kontrapunkt I (Stuttgart: Cotta, 1910).

3 Schenker wrote to Emil Hertzka at UE on April 1 (WSLB 202), to which Hertzka replied on April 2 (OC 52/142) expressing willingness to consider what could be done, but nothing came of that.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2012-08-08
Last updated: 2012-08-08