[Typing errors have been corrected by Dahms by hand and overtyping; these corrections have been incorporated here without comment, and blatant typing errors have been silently corrected.]

Walter Dahms
Berlin/Steglitz
Altmarktstrasse 7.
den 13. IV. 27.

Lieber, verehrter Meister! 1

Verzeihen Sie, dass ich so lange Zeit mich in Schweigen verschlossen hielt. Wir haben hier zu leisten versucht, was nur mit menschlicher Arbeit immer zu erreichen und zu erzwingen war, um den Almanach 2 auf die Beine zu stellen. Es ist in ideeler [sic] Hinsicht zweifellos gelungen und ein schöner Erfolg geworden, trotzdem leider das, was ich eigentlich damit beabsichtigte: der materielle Gewinn, ausgeblieben ist. Aber das war wohl auch zu viel verlangt, namentlich in einer Zeit und unter Umständen, die allem, was Geist und Freude und Liebe zur Kunst angeht, so bitter feindlich und gleichgültig gegenüber steht. Jedoch hoffe ich, den "Musikus," nun er einmal mit viel Schmerzen geboren worden ist, nicht fallen zu lassen zu brauchen. Irgendwie wird sich die Möglichkeit ergeben, auch den zweiten Jahrgang erscheinen lassen und damit wohl das Unternehmen einigermassen sichern zu können. Wie, das weiss ich im Augenblick noch nicht. Doch das findet sich.

Wir gehen sobald als möglich wieder von Berlin fort und nach dem Süden. Wir haben viel erfahren und viel gelernt. Vielleicht ist das Lehrgeld zu teuer gewesen, aber das ist es immer, wenn man mit irgendwelchen Hoffnungen an eine Sache geht. Von der deutschen Geistigkeit und dem deutschen Geistesleben hoffe ich nichts mehr; was ich in dieser Beziehung noch an Optimismus hatte, ist dahin und das ist gut so, da man sich ,– aussen stehend ‒ immer noch falschen Hoffnungen hingibt. Deutschland ist nicht mehr das Land Beethovens, Goethes, Schopenhauers, es ist das Land Stresemanns und der katholischen Pfaffen, der Parteisekretäre und Sportidioten. Da haben wir nichts mehr zu suchen und zu hoffen. Es bleibt nur übrig sich in sich selber zu verschliessen. Irgendwelchen Funken zu entzünden dürfte nicht mehr möglich sein. Im Süden erträgt sich dies alles leichter. Man weiss, dass die Barbarei allgemein ist, dass Politik und Sport an erster Stelle stehen und regt sich nicht weiter darüber auf, weil sich in einem lichten leichten Klima alles viel besser erträgt. Die Gesichter der Deutschen sind, zum grössten Teil einfach erschreckend: ich habe soviel Verfressenheit und Verbissenheit nicht für möglich gehalten. Dazu die Gesetze der deutschen "Moral," die mir zu sehr stinkt. Mörder geniessen alle Milde und Rücksicht, aber dem anständigen Menschen wird das Leben mit einer Wollust zerstört und unmöglich gemacht, die nur die preussische "Systematik" und der kantische preussische "Imperativ" kennen. Das Volk belogen und betrogen, ausgebeutet in schamloser Weise, was soll dieses Land, das sich so regieren lässt, noch für den Geist, für die Gerechtigkeit und die persönliche Freiheit übrig haben? Es sind schmerzliche Dinge, die man hier erfährt. Umso schmerzlicher, je stärker man gerade das wahrhaft Deutsche, den Geist und die Grösse, für immer verloren! – liebt. und dafür lebt. Lieber Meister, mit unserem Glauben an das Genie stehen wir heute schauerlich fremd inmitten einer Welt von Schiebern und Schmarotzern da. Es ist besser, man behält seinen Glauben für sich.

{2} Sie habens so wahr und gross über Beethoven geschrieben, herzlichen Dank! Und daneben stehen nun Herr Bie und andere Leute! Inmitten einer Welt der Kompromisse und Halbheiten und Falschheiten steht Ihr Wort einsam aber darum für die Wenigen nur umso aufrichtender. Ob es die Jugend noch hört? die heutige?

Lassen Sie mich für heute schliessen. Wir haben viel zu ordnen, viel zu bedenken, da wir auch hier in der "Grossstadt" ganz allein stehen. Sobald ich klars sehe schreibe ich Ihnen.

Herzliche Grüsse Ihnen und Ihrer verehrten Gattin von uns allen


immer Ihr dankbar-ergebener
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012

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Walter Dahms,
Berlin/Steglitz,
Altmarktstrasse 7
April 13, 1927

Dear, revered Master, 1

Please forgive me for having fallen silent for such a long time. Here we have tried to accomplish what has always been achieved and pushed through with human labor – that is, to get the Almanac 1 off the ground. In an ideal sense it has doubtless become a great success, but unfortunately it has not brought about what I actually intended: for material gain has failed. But that was really asking too much, particularly in a time and under circumstances in which everything stands so bitterly hostile to and indifferent towards the spirit, joy, and love for art. However, I hope that the Musikus , now that it has finally been brought to life through so much heartache, will not have to be abandoned. Somehow it will be made possible to publish the second volume and thereby somehow ensure the survival of the project. Precisely how I do not know at the moment. But that will work itself out.

We will be leaving as soon as possible from Berlin and heading south. We have experienced and learned many things. Perhaps the cost of learning has become too expensive, but that is always the case when one gets involved in an endeavor with certain hopes. I have lost all hope for German spirituality and German intellectual life; whatever optimism I still had in this regard has been lost and that is good, since one – from an outside perspective – always cherishes false hopes. Germany is no longer the land of Beethoven, Goethe, or Schopenhauer, it is the land of Stresemann and the Catholic clerics, of the political party secretaries and sport imbeciles. We have nothing more to search or hope for there. The only thing left is to close oneself off. It would not be possible any more to ignite any sparks. In the south everything is handled much more lightly. One knows that barbarity is widespread and that politics and sports take first place, and that doesn't get anyone worked up because in a brighter and lighter climate everything is handled much better. The faces of the Germans are for the most part simply terrifying: I have put up with so much unnecessary greediness and grimness. On top of that there are the laws of German "morality," which stink to me. Murderers enjoy all sorts of mild treatment and consideration, but for honest people life is destroyed and made impossible with great delight, they know only the Prussian "system" and the Prussian Kantian "imperative." The people lied to and deceived, exploited in a shameless way, what can this land, governed in this way, have left for spirit, for justice and for personal freedom? There are painful things that one experiences here. The more painful they are the more acutely one loves and lives for the spirit and greatness of the truly German, forever lost! Dear Master, with our belief in genius we stand today horribly estranged within a world of profiteers and freeloaders. It is better to keep one's beliefs to oneself.

{2} You wrote so correctly and wonderfully about Beethoven, many thanks! And next to that stands Mr. Bie and other people! In a world of compromises, half-truths and falseness your words stand alone but for the chosen few they are all the more uplifting. Whether it belongs to the youth? Today's?

Let me close here. We have many things to take care of and much to think about, since we too stand alone in the "metropolis." I will write to you as soon as I can.

Warm greetings to you and your dear wife from all of us.


ever your thankful, devoted
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012

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Walter Dahms
Berlin/Steglitz
Altmarktstrasse 7.
den 13. IV. 27.

Lieber, verehrter Meister! 1

Verzeihen Sie, dass ich so lange Zeit mich in Schweigen verschlossen hielt. Wir haben hier zu leisten versucht, was nur mit menschlicher Arbeit immer zu erreichen und zu erzwingen war, um den Almanach 2 auf die Beine zu stellen. Es ist in ideeler [sic] Hinsicht zweifellos gelungen und ein schöner Erfolg geworden, trotzdem leider das, was ich eigentlich damit beabsichtigte: der materielle Gewinn, ausgeblieben ist. Aber das war wohl auch zu viel verlangt, namentlich in einer Zeit und unter Umständen, die allem, was Geist und Freude und Liebe zur Kunst angeht, so bitter feindlich und gleichgültig gegenüber steht. Jedoch hoffe ich, den "Musikus," nun er einmal mit viel Schmerzen geboren worden ist, nicht fallen zu lassen zu brauchen. Irgendwie wird sich die Möglichkeit ergeben, auch den zweiten Jahrgang erscheinen lassen und damit wohl das Unternehmen einigermassen sichern zu können. Wie, das weiss ich im Augenblick noch nicht. Doch das findet sich.

Wir gehen sobald als möglich wieder von Berlin fort und nach dem Süden. Wir haben viel erfahren und viel gelernt. Vielleicht ist das Lehrgeld zu teuer gewesen, aber das ist es immer, wenn man mit irgendwelchen Hoffnungen an eine Sache geht. Von der deutschen Geistigkeit und dem deutschen Geistesleben hoffe ich nichts mehr; was ich in dieser Beziehung noch an Optimismus hatte, ist dahin und das ist gut so, da man sich ,– aussen stehend ‒ immer noch falschen Hoffnungen hingibt. Deutschland ist nicht mehr das Land Beethovens, Goethes, Schopenhauers, es ist das Land Stresemanns und der katholischen Pfaffen, der Parteisekretäre und Sportidioten. Da haben wir nichts mehr zu suchen und zu hoffen. Es bleibt nur übrig sich in sich selber zu verschliessen. Irgendwelchen Funken zu entzünden dürfte nicht mehr möglich sein. Im Süden erträgt sich dies alles leichter. Man weiss, dass die Barbarei allgemein ist, dass Politik und Sport an erster Stelle stehen und regt sich nicht weiter darüber auf, weil sich in einem lichten leichten Klima alles viel besser erträgt. Die Gesichter der Deutschen sind, zum grössten Teil einfach erschreckend: ich habe soviel Verfressenheit und Verbissenheit nicht für möglich gehalten. Dazu die Gesetze der deutschen "Moral," die mir zu sehr stinkt. Mörder geniessen alle Milde und Rücksicht, aber dem anständigen Menschen wird das Leben mit einer Wollust zerstört und unmöglich gemacht, die nur die preussische "Systematik" und der kantische preussische "Imperativ" kennen. Das Volk belogen und betrogen, ausgebeutet in schamloser Weise, was soll dieses Land, das sich so regieren lässt, noch für den Geist, für die Gerechtigkeit und die persönliche Freiheit übrig haben? Es sind schmerzliche Dinge, die man hier erfährt. Umso schmerzlicher, je stärker man gerade das wahrhaft Deutsche, den Geist und die Grösse, für immer verloren! – liebt. und dafür lebt. Lieber Meister, mit unserem Glauben an das Genie stehen wir heute schauerlich fremd inmitten einer Welt von Schiebern und Schmarotzern da. Es ist besser, man behält seinen Glauben für sich.

{2} Sie habens so wahr und gross über Beethoven geschrieben, herzlichen Dank! Und daneben stehen nun Herr Bie und andere Leute! Inmitten einer Welt der Kompromisse und Halbheiten und Falschheiten steht Ihr Wort einsam aber darum für die Wenigen nur umso aufrichtender. Ob es die Jugend noch hört? die heutige?

Lassen Sie mich für heute schliessen. Wir haben viel zu ordnen, viel zu bedenken, da wir auch hier in der "Grossstadt" ganz allein stehen. Sobald ich klars sehe schreibe ich Ihnen.

Herzliche Grüsse Ihnen und Ihrer verehrten Gattin von uns allen


immer Ihr dankbar-ergebener
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012

[Typing errors have been corrected by Dahms by hand and overtyping; these corrections have been incorporated here without comment, and blatant typing errors have been silently corrected.]

Walter Dahms,
Berlin/Steglitz,
Altmarktstrasse 7
April 13, 1927

Dear, revered Master, 1

Please forgive me for having fallen silent for such a long time. Here we have tried to accomplish what has always been achieved and pushed through with human labor – that is, to get the Almanac 1 off the ground. In an ideal sense it has doubtless become a great success, but unfortunately it has not brought about what I actually intended: for material gain has failed. But that was really asking too much, particularly in a time and under circumstances in which everything stands so bitterly hostile to and indifferent towards the spirit, joy, and love for art. However, I hope that the Musikus , now that it has finally been brought to life through so much heartache, will not have to be abandoned. Somehow it will be made possible to publish the second volume and thereby somehow ensure the survival of the project. Precisely how I do not know at the moment. But that will work itself out.

We will be leaving as soon as possible from Berlin and heading south. We have experienced and learned many things. Perhaps the cost of learning has become too expensive, but that is always the case when one gets involved in an endeavor with certain hopes. I have lost all hope for German spirituality and German intellectual life; whatever optimism I still had in this regard has been lost and that is good, since one – from an outside perspective – always cherishes false hopes. Germany is no longer the land of Beethoven, Goethe, or Schopenhauer, it is the land of Stresemann and the Catholic clerics, of the political party secretaries and sport imbeciles. We have nothing more to search or hope for there. The only thing left is to close oneself off. It would not be possible any more to ignite any sparks. In the south everything is handled much more lightly. One knows that barbarity is widespread and that politics and sports take first place, and that doesn't get anyone worked up because in a brighter and lighter climate everything is handled much better. The faces of the Germans are for the most part simply terrifying: I have put up with so much unnecessary greediness and grimness. On top of that there are the laws of German "morality," which stink to me. Murderers enjoy all sorts of mild treatment and consideration, but for honest people life is destroyed and made impossible with great delight, they know only the Prussian "system" and the Prussian Kantian "imperative." The people lied to and deceived, exploited in a shameless way, what can this land, governed in this way, have left for spirit, for justice and for personal freedom? There are painful things that one experiences here. The more painful they are the more acutely one loves and lives for the spirit and greatness of the truly German, forever lost! Dear Master, with our belief in genius we stand today horribly estranged within a world of profiteers and freeloaders. It is better to keep one's beliefs to oneself.

{2} You wrote so correctly and wonderfully about Beethoven, many thanks! And next to that stands Mr. Bie and other people! In a world of compromises, half-truths and falseness your words stand alone but for the chosen few they are all the more uplifting. Whether it belongs to the youth? Today's?

Let me close here. We have many things to take care of and much to think about, since we too stand alone in the "metropolis." I will write to you as soon as I can.

Warm greetings to you and your dear wife from all of us.


ever your thankful, devoted
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/9, p. 3056, April 14, 1927: "Von Dahms (Br.): dankt für den Aufsatz; kehrt nach Italien zurück, da die Zustände in Deutschland unerträglich seien." ("From Dahms (letter): he thanks me for the article; he is returning to Italy, as conditions in Germany are unbearable.").

2 Walter Dahms, ed. Der Musikus-Almanach (Berlin: Panorama-Verlag, 1927).

Commentary

Format
2p letter, recto-verso, typewritten message with corrections by hand and overtyping, holograph valediction and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2012-04-09
Last updated: 2012-04-09